Programm für Zahnärzte
„Aktuelle prothetische Konzepte“ auf dem 4. Hamburger Zahnärztetag
Das wissenschaftliche Programm startete mit dem Vortrag von Prof. Dr. Christian Besimo, Basel (CH): „Was für Patienten kommen in Zukunft zu uns?“ Es ging um die Frage „Welche Zahnmedizin brauchen unsere Patienten in der Zukunft?“ Prof. Besimo: „Es geht darum, die präventiven Erfolge anzuschauen, die sehr wohl unsere zahnärztliche Landschaft verändert haben.“ Zunächst erläuterte er kurz die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS). Bei Kindern, Erwachsenen und Senioren sei die Karies rückläufig, und zwar um bis zu 80 Prozent. Dies habe Auswirkungen auf die Patientenzahl in den Praxen und auf das Behandlungsvolumen. Bei der Wurzelkaries, vor allem bei den Senioren, sei dagegen eine Zunahme zu verzeichnen, der Sanierungsgrad dagegen sei sehr hoch. Eine deutliche Reaktion auf dieses Ergebnis sei eine deutliche Zunahme im Bereich der Kosmetischen Zahnheilkunde. Es stelle sich jedoch die Frage, ob ein perfektes Lächeln alles ist, was die Patienten brauchen. Die Antwort auf die Fragen der Zukunft müsse die orale Medizin sein, die integraler Teil der Medizin werden solle. Die orale Medizin sei eine Medizin, die verantwortlich sei für die Gesundheit des gesamten stomatognathen Systems und deren Auswirkungen auf den Gesamtorganismus und umgekehrt. Dabei sei die interdisziplinäre Vernetzung von sehr großer Bedeutung. Die Zahnmedizin müsse sich integrieren in die gesamte Medizin. Seit vielen Jahren bestehe über mögliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen oralen und systemischen Erkrankungen eine interessante Diskussion, die zukünftig einen immer stärkeren Stellenwert einnehmen werde. Ein schönes Beispiel hierfür sei die Wechselwirkung zwischen Parodontitis und Diabetes mellitus Typ 2.
Konfliktprophylaxe
Im zweiten Vortrag dieses Tages berichtete Prof. Dr. Dr. Ludger Figgener, (Münster) über „Konfliktprophylaxe“. Die Behandler müssten immer häufiger damit rechnen, dass die zahnärztliche Arbeit im Konfliktfall einer juristischen Prüfung unterzogen wird. Die beste Prophylaxe sei es natürlich, keine Fehler zu machen; Eine gute Prophylaxe sei es, zumindest die Aufklärung und Dokumentation durch strukturierte Integration dieser Pflichten in den Behandlungsablauf sicherzustellen. Der Behandlungsvertrag sei die juristische Grundlage, aus der dem Arzt und dem Patienten Rechte und Pflichten erwachsen. Aus diesem Vertrag ergeben sich als Hauptpflichten die Sorgfaltspflicht, die Aufklärungspflicht und die Dokumentationspflicht, deren Nichtbeachtung zur Haftung führen könne. Bei der Sorgfaltspflicht gelte es, nach dem bürgerlichen Recht im Sinne von § 276 BGB die objektive Sorgfalt einzuhalten. Prof. Figgener: „Sorgfältig verhält sich demnach der, der die im Verkehr erforderliche Sorgfalt (objektiver Maßstab) beachtet. Arzt und Zahnarzt schulden ihrem Patienten bei der jeweiligen Diagnose und Behandlung diejenige Sorgfalt, welche dem zum Zeitpunkt der Behandlung anerkannten, gesicherten Stand der Medizin entspricht.“ Die „Stellungnahmen“ der DGZMK stellen eine Hilfe dar, und es sei ratsam, diese zu kennen.
Mundschleimhaut
Im Abschlussvortrag des ersten Kongresstages berichtete Dr. Wolfgang Bengel, Heiligenberg, über die „Mundschleimhaut – parodontale Reaktionen auf Dentalwerkstoffe aus zahnärztlicher Sicht“. Die Kontaktstomatitis wurde in allen Einzelheiten erörtert, so z. B. die Frage, ob Prothesenunverträglichkeit ein durch Zahnersatz ausgelöster objektivierbarer morphologischer Befund oder eine reine Befindlichkeitsstörung sein könne. Die allergische Kontaktstomatitis führe zu objektivierbaren und eindeutigen Symptomen und nicht zu schwer fassbaren und meist psychosomatisch begründeten Symptomen wie Zungenbrennen, Trockenheit im Mund, Kopfschmerzen, Schwindel und Schweißausbrüchen. Eine allergische Kontaktreaktion sei möglich, jedoch selten und sie treten eher beim zahnärztlichen Team auf. Ein Allergietest und somit eine „prophetische“ Testung jedes Patienten vor der Eingliederung von Zahnersatz werde wegen der Gefahr der Sensibilisierung abgelehnt. Psychogene Ursachen dürfe man nicht als „ultima Ratio“ darstellen. Zur Diagnostikhilfe dürfe man die Hilfsangebote der DGZMK sowie diverser Spezialzentren in Anspruch nehmen. Eine Anamnese sowie die genaue Dokumentation (Fotografie) seien sehr wichtig, es solle keine vorschnelle „Allergie-Diagnose“ oder ein vorschneller Materialaustausch stattfinden. Weitere Tipps seien: keine „alternative Diagnostik“, möglichst wenig Materialien, korrosionsstabile Materialien, möglichst wenige Lötungen, nicht sofort jedes neue Material nehmen und eine Kooperation mit einem Allergologen.
Ästhetik
Der zweite Vortragstag startete mit dem Vortrag von Prof. Dr. Matthias Kern, Universität Kiel, über „Ästhetik – was können vollkeramische Restaurationen?“ Die klinische Anwendung vollkeramischer Restaurationen habe ein sehr gutes bis gutes Ergebnis bei Inlays und Veneers, bei Kronen und Frontzahnbrücken sowie bei Frontzahn-Adhäsivbrücken gezeigt. Initial gut, aber mit häufig fehlenden Langzeitdaten seien vollkeramische Seitenzahnbrücken und Implantat-Abutments. Innovativ, jedoch ohne publizierte Daten zur klinischen Bewährung, seien modifizierte Inlaybrücken.
Ein Heimspiel hatte dann Prof. Dr. Guido Heydecke von der Universitätsklinik Eppendorf mit seinem Thema „Implantate in Gesamtkonstruktionen.“ Er stellte innovative prothetische Konzepte vor, wie beispielsweise Innenkronen aus Zirkonoxyd, wobei er darauf hinwies, dass für einige dieser Konzepte bisher noch Langzeiterfahrungen fehlen.
CAD/CAM-Technologie
In seinem Vortrag berichtete PD Dr. Stefan Holst, Erlangen, über „CAD/CAM-Technologie heute – Konzepte und Materialien für patientengerechte Lösungen“. Der Referent sprach über die folgenden vier Punkte: 1. Standardisierte Materialqualität und Präzision durch industrielle Herstellungsprozesse, 2. Umfangreiche Lösungsmöglichkeiten für natürliche Zähne und Implantate, 3. Biokompatible, qualitativ hochwertige Materialien (u. a. Zirconia, Alumina, Titan, NEM), 4. Arbeitsschritte im zahntechnischen Labor.
Konstruktionsprinzipien
In ihrem Vortrag „Konstruktionsprinzipien und Konstruktionselemente – was hat sich bewährt?“ kam PD Dr. Ingrid Peroz, Berlin, zu dem Ergebnis, dass bei den Konstruktionsprinzipien die sattelnahen Abstützungen zu bevorzugen seien. Ein Verzicht auf Transversalband/Lingualbügel bei Einbezug aller Zähne und guter Abstützung (quadrangulär) sei möglich, offene Funktionsrandgestaltungen seien zu bevorzugen. Bei den Konstruktionselementen seien die Doppelkronen gut evaluiert. Die Referentin: „Devitale Pfeiler reduzieren die Prognose insbesondere bei Doppelkronen.“ Ein regelmäßiger Recall verbessere die Prognose. Zwar sei auch ein höherwertiger ZE nachsorgeintensiv, jedoch seien die Folgekosten bei teleskopierenden Prothesen geringer als bei Modellgussprothesen. Eine Bewerbtung der gängigen Konstruktionselemente ergab, dass die Geschiebe nicht gut evaluiert seien. Eine starre Ankopplung schone das Prothesenlager auf Kosten einer erhöhten Frakturgefahr der Zähne.
Diskussionsrunde
Wieder rege Fragen und Antworten produzierte das anschließende Diskussionsforum. Hier hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, mit fast allen Referenten übergreifende Fragen zu erörtern. Dr. Horst Schulz leitete die Diskussionsrunde auf seine bewährte Art.
Zum Ende des Kongresses referierte Prof. Dr. Dr. h. c. Georg Meyer, Greifswald, der seinen Vortrag mit einigen ostfriesischen Witzen einleitete, zum Thema „Funktionelle Aspekte oraler Rehabilitation“. Der natürliche Zahn sei die Grundlage für ein physiologisches Gleichgewicht: „Form is function“ oder „If the form isn’t there, the function isn’t there“. Wenn die Physiologie („Die Zähne sind modifizierte Tastwerkzeuge“) gestört sei durch okklusale Interferenzen, wie z. B. gekippte, elongierte Zähne, fehlerhafte Restaurationen einschließlich KFO, und wenn danach psychoemotionaler Stress wie „mit den Zähnen knirschen …“ (bei Kindern normal), „die Zähne zusammenbeißen …“, „jemandem die Zähne zeigen …“ hinzukäme, könne das zu Muskelverspannungen (neuromuskuläre Inkoordination, Pressen und Bruxieren) und CMD (Craniomandibuläre Dysfunktionen) führen. Und dies wiederum seien Risikofaktoren für Tinnitus, Kopf- und Gesichtsschmerzen, Schwindel, Kiefergelenks-, HWS- und Rückenprobleme. Eine Behandlung solle immer mit dem Zuhören im Rahmen der Befundung beginnen. Es müsse eine genaue klinische Okklusionsdiagnostik erfolgen mit einer Analyse der Kaufunktion (biomechanische und neuromuskuläre Aspekte).
In seinem Schlußwort dankte Dr. Horst Schulz Referenten und Teilnehmern und lud zum 5. Hamburger Zahnärztetag im Januar 2011 ein, der unter dem Motto Endodontologie stehen wird.
Susan Röse/et (Aus HZB 02-2010)






