Patienten der Zukunft! Welche Ansprüche werden an sie gestellt?
Dieses Thema lockte zahlreiche zahnärztliche Mitarbeiterinnen am 22. Januar 2010 ins Riverside Hotel zur begleitenden Fortbildungsmaßnahme des 4. Hamburger Zahnärztetages.
Die ästhetischen Ansprüche unserer Patienten steigen. Achim Wehmeier, Zahnarzt und Dozent am NFi, widmete sich in seinem Workshop dem Thema Bleaching von A wie Ästhetik bis Z wie Zahnempfindlichkeiten. Es wurden die unterschiedlichen Vorgehensweisen dargestellt und diskutiert. Das am meisten praktizierte „Home Bleaching“ erfolgt mit 10- bis 16-prozentigem Carbamidperoxid, gefüllt in eine individuell erstellte Schiene, welche der Patient über einen Zeitraum von 10 bis 14 Tagen mehrere Stunden nachts trägt. Das „Chairside Bleaching“ erfolgt ohne Schiene unter Verwendung von 35-prozentigem Hydrogenperoxid. Da dieses Material äußerst ätzend wirkt, ist der Schutz der Gingiva mit Kofferdam unerlässlich. Grundsätzlich muss dem Bleaching die Untersuchung und Beratung durch den Zahnarzt/die Zahnärztin vorausgehen, um eine für die Wünsche des Patienten adäquate Maßnahme zu wählen, denn nicht immer ist das Bleaching dafür der richtige Weg.
Die demografische Entwicklung unserer Bevölkerung erfordert sehr viel Kenntnisse bezüglich Allgemeinanamnese und entsprechender Medikationen. Dieses Thema bearbeitete Susanne Graack, DH und Leiterin des Lehrbetriebes des NFi, in ihrem Workshop. Die Ermittlung der aktuellen Patientensituation sollte nach ihren Ausführungen jeder Behandlungsmaßnahme vorausgehen und folgende Fragen beinhalten:
Allgemeinanamnese?
Medikation?
Allergien?
Raucher? Wenn ja, wie viel pro Tag und wie lange schon?
So sollten Asthmapatienten weder Aspirin noch Ibuprofen verschrieben bekommen. Patienten, die Marcumar einnehmen, müssen nach ihrem aktuellen Quick-Wert bzw. INR-Wert befragt werden. Bei Patienten mit Herzschrittmachern sollte die maschinelle Zahnsteinentfernung mit einem Airscaler der Anwendung eines magnetostriktiv betriebenen Gerätes vorgezogen werden. Wann müssen Patienten antibiotisch abgeschirmt werden? Neueste Erkenntnisse bestätigen, dass bei Patienten mit künstlichen Gelenken dieses nicht erforderlich ist. Welche Empfehlungen und Behandlungen können bei Schwangeren erfolgen? Der beste Behandlungszeitraum ist das zweite Trimenon. Die Lokalanaesthetika Articain oder Procain mit einem Adrenalinanteil von 1:200.000 können Verwendung finden. Bei Bedarf sind Penicilline unbedenklich. Paracetamol ist das Analgetikum der Wahl bzw. Ibuprofen während der Stillzeit.
Professor Dr. Christian Besimo, Brunnen (CH) stellte sich der Frage: Welche Zahnmedizin brauchen unsere Patienten in der Zukunft? So gilt es, die demografische Entwicklung unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Veränderungen zu betrachten. 2015 beträgt das Durchschnittsalter der Männer 79 Jahre, das der Frauen 84. In der Schweiz verdoppelt sich die Zahl der über 100-Jährigen alle fünf Jahre. 88 Prozent der 70- bis 100-Jährigen sind multimorbid und benötigen eine Polypharmakotherapie, welche Interaktionen mit zahnärztlichen Medikamenten fördert. Immer mehr ältere Menschen haben immer mehr eigene Zähne, die regelmäßige Zahnarztbesuche notwendig machen. Mehrdimensionale Diagnostik sowie interdisziplinäre Diagnose und Prognosestellung erfordern umfangreiches geriatrisches Hintergrundwissen.
Auf sehr eindringliche und beeindruckende Weise stellte Professor Besimo den Fragilisierungsprozess dieses besonderen Patientenklientels dar. Muskelschwäche, Erschöpfung, Verlangsamung der Reaktionszeit des Gehirns sowie Krankheit (häufig mehr als fünf Diagnosen) mögen nur einige Parameter sein, die es gilt bei der Betreuung und Behandlung zu berücksichtigen. Nicht zu unterschätzen sind Erkrankungen, die eine dauerhafte Schmerztherapie erfordern mit Voltaren oder Ibuprofen, die Magenblutungen fördern bzw. auch als Appetitzügler fungieren. Die von dem äußerst kompetenten und engagierten Referenten vorgestellten Checklisten zur Ermittlung des Patientenstatus fanden großes Interesse.
Doch was nützt das ganze zahnmedizinische Know-how ohne Kenntnisse entsprechender Abrechnungsmodalitäten? In dem Workshop von Kathrin Dorster, ZMF und Referentin am NFi, wurden praxisnah Möglichkeiten der Abrechnung ästhetischer Restaurationen dargestellt. Ein Update BEMA/GOZ, untermauert mit klinischen Bildern, ermöglichte eine Aktualisierung des Kenntnisstandes.
Ambiente und maritimes Flair im Riverside Hotel rundeten den fachlich interessanten Nachmittag ab. Die Teilnehmerinnen freuen sich auf den 5. Zahnärztetag am 28. Januar 2011, an dem es wieder ein begleitendes Fortbildungsprogramm geben wird.
Susanne Graack, DH
Aus HZB 02-2010



