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Das war die „Strategietagung Zucker“ in Hamburg

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

es ist keine neue Erkenntnis, dass übermäßiger Zuckergenuss zu Karies, Parodontitis und vielen allgemeinmedizinischen  Erkrankungen führen kann. Karies zählt  zu den häufigsten chronischen Erkrankungen von Kleinkindern; Parodontitis steht im Verdacht, weitere Krankheiten im Körper auszulösen.

Die Zeitschrift „Nature“ schreibt, Zucker „tötet - wenn auch nur langsam“. „Bild“ meint, Zucker führe nicht nur zu einem „Rauschzustand, sondern steigert das Verlangen nach mehr“. Und die „Süddeutsche“ spricht sogar vom „größten Killer überhaupt“.

In einem Selbstversuch musste ein Fernsehjournalist feststellen, dass man auch ohne Süßigkeiten alleine mit verstecktem Zucker problemlos die mehr als 4fache Menge der von der WHO empfohlenen Höchstdosis von 25 g Zucker täglich zu sich nehmen kann.

Nun wird es Zeit, dass diese Erkenntnisse auch in Berlin ankommen, insbesondere bei unserer Ernährungsministerin Julia Klöckner. Die Winzertochter feiert es ernsthaft als Erfolg, dass sie sich mit der Zuckerindustrie auf eine Zuckerreduktion von 10 Prozent bei Kinderjoghurt, 15 Prozent bei Softdrinks und 20 Prozent bei Frühstückscerealien bis 2025(!) geeinigt hat- das alles aber nur auf freiwilliger Basis.

Zur Veranschaulichung ein Zahlenbeispiel der Verbraucherzentrale NRW: Ein Kirschjoghurt der Firma Bauer enthält 13,7 g Zucker/100 g. Das sind im untersuchten 250 g-Becher sage und schreibe 11,5 Zuckerwürfel. Bei einer Reduktion von 10 Prozent wären immer noch mehr als 10 Würfel im Joghurt verblieben. Können Sie sich diese Menge in Ihrem Frühstückskaffee vorstellen? Möchten Sie, dass Ihr Kind diese Menge Zucker zum Frühstück konsumiert? Der von der WHO vorgeschlagene Tageshöchstwert wäre mit dem Konsum dieses einen Bechers Joghurt bereits erreicht! Wenn man die drastisch angestiegenen Mengen an verstecktem Zucker in alltäglichen Nahrungsmitteln wie Pizza, Ketchup, Saucen, Würstchen, Müsli und eben Joghurt betrachtet, kann man über das Klöcknersche Jubilieren nur den Kopf schütteln, Foodwatch spricht sogar von „knallharter Interessenpolitik“.

Beim „Strategietag Zucker“, zu dem die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks Ende April ins Empire Riverside Hotel lud, waren sich mehr als 300 Fachleute einig, dass diese Klöcknersche „Reduktionsstrategie“ kaum der richtige Weg sein kann. Eine bessere Nahrungsmittelkennzeichnung („Ampel“, „Nutri-Score“) als auch eine Zuckersteuer wurden dagegen als sinnvolle Instrumente zur Zuckerreduktion identifiziert.

In einem spannenden Vortrag über die Auswirkungen einer Zuckersteuer stellte der Betriebswirtschaftler PD Dr. Tobias Effertz von der Universität Hamburg dar, dass eine solche Steuer jährlich nicht nur möglicherweise fast 5 Milliarden Euro in die Staatskasse spülen würde, sondern weitere fast 5 Milliarden Kosten in unserem Gesundheitswesen einsparen könnte.

Nicht nur die Zahnärztekammer Hamburg, sondern auch die Bundeszahnärztekammer haben sich klar zur Forderung nach einer Zuckerabgabe bekannt. Die Zahnärzteschaft steht konsequent hinter dem Prophylaxegedanken, der der ungebremsten Zuckerschwemme der letzten Jahre diametral entgegen steht und den wir jeden Tag in den Praxen leben. Hoffen wir im Interesse unserer Patientinnen und Patienten, dass Frau Klöckner auch zu dieser Einsicht gelangt, denn es ist nie zu spät, beratungsfähig zu sein.

Herzliche kollegiale Grüße
Konstantin von Laffert