Offizielle Webseite der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und der Zahnärztekammer Hamburg

Das Portal für Zahnärzte
und Praxisteams
Information der Zahnärztekammer und der KZV Hamburg

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), zur GOZ und dem Stellenwert deutscher Zahnmedizin

Herr Dr. Engel, die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) initiierte jüngst eine Kampagne unter dem Motto #11Pfennnig, die den politischen Stillstand in der Novellierung um den Grundwert der Gebührenordnung für Zahnärzte angeht. Mit welchen Argumenten gehen Sie an die Öffentlichkeit?

Die zahnärztliche Arbeit in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten rasant entwickelt und deutlich an Qualität gewonnen. Sie wird geschätzt und ist international anerkannt. Dieser positiven Entwicklung für Millionen Patient*innen steht eine Honorierung privat-zahnärztlicher Leistungen im Rahmen des GOZ-Grundwertes gegenüber, der seit 1988, also seit mehr als 30 Jahren, nicht angepasst wurde. Mit der erreichten Spitzenqualität zahnärztlicher Arbeit in Deutschland ging auch eine erhebliche Kostensteigerung für das Führen von zahnärztlichen Praxen einher. Eine politische Reaktion auf diese Fortschritte und Umstände, die auch den GOZ-Grundwert miteinbezieht, hat es bislang erstaunlicherweise nicht gegeben. Mit der #11Pfennig Kampagne möchten wir deshalb öffentlichkeitswirksam auf diesen Missstand hinweisen und unsere Forderungen nachhaltig unterstreichen.

Was hat es mit dem Schlagwort #11Pfennig auf sich und weshalb dient es als zentrales Element der Kampagne?

1988 legte die Bundesregierung unter Federführung des Bundesgesundheitsministeriums den Punktwert von 11 Pfennig als Grundwert der GOZ fest. Er ist bis heute darauf eingefroren. Der Punktwert von 11 Pfennig symbolisiert besonders eindrücklich, dass die Bemessung zahnärztlicher Leistungen durch die Gebührenordnung einem längst vergangenen Zeitalter angehört. Nur zur Erinnerung: 1988 war noch vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands.

Wie hoch sollte ein GOZ-Grundwert Ihrer Meinung nach sein, der eine faire Entlohnung privat-zahnärztlicher Arbeit unter Berücksichtigung dieser Entwicklungen garantiert?

Wir fordern die Implementierung einer Gebührenordnung für Zahnärzte auf Basis der Honorarordnung für Zahnärzte (HOZ), die zeitgemäß und fachlich wie betriebswirtschaftlich stimmig ist. Dazu gehört vor allem ein Mechanismus, der es ermöglicht, diesen Grundwert kontinuierlich an die wirtschaftliche Entwicklung anzupassen. Es wäre ein großer Gewinn für die gesamte Zahnmedizin, wenn der politische Stillstand um die Novellierung der Gebührenordnung beendet würde und Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen werden, diese Bewertungen flexibler, zeitgemäßer und gerechter anzupassen.

Mit welchen Gegenargumenten sieht sich die Bundeszahnärztekammer im Rahmen der Kampagne konfrontiert?

Das Bundesverfassungsgericht wies 2001 darauf hin, dass statt einer Novellierung des GOZ-Grundwertes zunächst gegebene Spielräume über Steigerungsfaktoren und Analogberechnungen genutzt werden müssten. In Anbetracht des rapiden Wandels zahnärztlicher Arbeit und der Erweiterung des Leistungsbereiches sind diese Potentiale jedoch maximal ausgereizt. Darüber hinaus wird mehrfach auf die vergleichsweise geringe Menge der Leistungen hingewiesen, die unter den GOZ-Grundwert fallen. Daraus jedoch eine Legitimierung für Nichtstun abzuleiten, halten wir für ein fatales Signal.

Inhalte der Kampagne werden vor allem auf Twitter verbreitet. Welche Gründe gibt es dafür und was können die sozialen Medien in dieser Sache bewirken?

Die sozialen Medien nehmen für die Kommunikation des Anliegens eine wichtige Rolle ein: Sie informieren kompakt, schaffen Aufklärung und gezielte Aufmerksamkeit bei Entscheidungsträgern und bieten damit die Möglichkeit endlich Diskussionen anzuregen. Wir erhoffen uns, dem Reformbedarf des GOZ-Grundwertes die Beachtung zu vermitteln, die er verdient.

Neben Aktivitäten via Twitter, macht die Bundeszahnärztekammer in ihren aktuellen Publikationen deutlich, dass die Zahnmedizin als unterschätzter Wirtschaftsfaktor beschrieben werden kann. Wie hoch ist ihr Stellenwert für die deutsche Wirtschaft einzuordnen?

Die Gesundheitswirtschaft insgesamt ist und bleibt ein konjunktureller Motor. Und für die Erfolgsgeschichte der Gesundheitswirtschaft der letzten Jahre spielt die Zahnmedizin eine zentrale Rolle. Jedes Jahr werden hier 21,4 Milliarden Euro erwirtschaftet und damit fast 1 Prozent (0,8) zur gesamten Bruttowertschöpfung Deutschlands beigetragen. Jeder in der Zahnmedizin erwirtschaftete Euro generiert 1,2 weitere in zahnrelevanten Bereichen. Durch diesen sogenannten ökonomischen Fußabdruck wird die Zahnmedizin zum Schrittmacher der gesamten Wertschöpfungskette.

Was erkennen Sie als entscheidenden Faktor für den positiven Beitrag an der Gesundheits- und der gesamten deutschen Wirtschaft?

Die Grundvoraussetzung – und damit der für mich entscheidende Faktor – ist die Exzellenz, die die zahnärztliche Arbeit bis heute erreicht hat. Statistiken der Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V, 2016) untermauern diese Feststellung: Weltweit wird Karies bei Kindern nirgendwo erfolgreicher behandelt als hier, sodass heute 8 von 10 Kindern in Deutschland ohne Karies aufwachsen können. Auch im Kampf gegen Zahnlosigkeit rangiert Deutschland im internationalen Vergleich auf Platz eins.

Welche Resonanz hat die BZÄK für die politische Arbeit der letzten Wochen erreicht und wie geht es nun weiter?

Aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands haben uns Unterstützungsbekundungen für das Unterfangen erreicht. Über dieses Miteinander und das eigene Engagement in den Regionen freuen wir uns sehr. Denn feststeht, dass eine politische Forderung nur dann Erfolg hat, wenn alle geschlossen dahinterstehen. Eine Sensibilisierung von Entscheidungsträgern und der politischen Öffentlichkeit für unser Anliegen ist das erste Etappenziel. Darauf aufbauend gilt es, unsere Forderung für einen Novellierungsprozess glaubhaft und hartnäckig vorzutragen, um die Entlohnung privat-zahnärztlicher Leistungen an das 21. Jahrhundert anzupassen.

Eine „saubere“ aktuelle GOZ ist der Gesetzgeber nicht nur der Zahnärzteschaft schuldig, sondern gerade auch den Patienten.