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Kongress: Alters-Zahnmediziner treffen sich in Hamburg

Straffes Programm für die Aktiven in der Alterszahnmedizin – erst die BZÄK-„Koordinierungskonferenz der  Referenten für präventive Zahnheilkunde, Behindertenbehandlung und Alterszahnheilkunde“, dann am Folgetag die gemeinsame ganztägige 3. Sonderfortbildung der Zahnärztekammer Hamburg zur Alterszahnmedizin und der 29. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin (DGAZ) unter dem Titel „Prothetische Versorgung bei Gebrechlichen und Pflegebedürftigen“

Am Freitag, dem 14. Juni, 10 Uhr, trafen sich zunächst die Vorstands-Referenten der verschiedenen Länder-Kammern diesmal nicht in Berlin, sondern in Hamburg in den Räumen der Zahnärztekammer an der Weidestraße zur Koordinierungskonferenz. AltersZM ist da nur ein Punkt, aber die Referenten wurden als Diskussionsteilnehmer gefordert und der präventive Gedanke spielt in allen drei Gebieten eine wichtige Rolle.

Hamburg zeigte sich aus dem 9. Stock der Fortbildungsabteilung von der Sonne beschienen von der besten Seite, auch wenn es dann um 16 Uhr ein Sommergewitter gab.

Pünktlich um 19 Uhr zum entspannenden Get-together der Kongressteilnehmer auf einer Hamburger Hafen-barkasse klarte das Wetter wieder auf und bot im Hafen und auf der Elbe runter nach Blankenese eine abendrote Sonnenuntergangs-Szenerie, die die Elbphilharmonie sehr schön erstrahlen ließ. Die Stimmung war bestens und am späten Abend legte die Barkasse wieder zu Füßen des Kongresshotels „Hafen Hamburg“ an, in dessen Elbkuppel-Saal um 9 Uhr das Programm starten würde.

Und die großen Elbkuppelfenster boten den 180 Teilnehmern vor Kongressbeginn und in den Pausen schöne Ausblicke auf die Hafenstadt – wenn sie sich nicht durch die Industrieausstellung fachlich anziehen oder durch die gastronomische Betreuung des Hotels verlocken ließen.
Pünktlich um 9 Uhr eröffneten die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für AlterszahnMedizin, Frau Prof. Dr. Ina Nitschke, und der Vizepräsident der Zahnärztekammer Hamburg, Dr. Thomas Einfeldt, den gemeinsamen Kongress.

Der erste Vortrag von Oberarzt Prof. Dr. Thorsten Mundt, Greifswald, befasste sich mit implantatgestütztem Zahnersatz. Über 1,3 Mio. Implantate werden jährlich in Deutschland gesetzt, oft bei fitten Erwachsenen – und die Implantate halten bei guter Mundpflege… Doch wie sieht die Lage später bei gebrechlichen Senioren aus? Mundt gab einen guten Überblick über die aktuellen Erkenntnisse zur Indikation und Planung. Er plädierte für das Konzept der Pfeilervermehrung bei Zahnersatzplanung (wenn dies finanziell möglich ist) und empfahl, bei älteren Patienten eher verschraubte Sekundär-Konstruktionen zu benutzen, die (bedingt abnehmbar) einfacher umzubauen sind, wenn der Zahnersatz in Zukunft verändert werden muss. Magnetische Verbindungen können vorteilhaft abnehmbaren Zahnersatz verankern. Teleskope können von gewissen gebrechlichen Patienten besser dosiert eingesetzt werden, als Locatoren-gestützte Prothesen. Auch die einteiligen „Mini-Sofort-Implantate“ können erfolgreich verwendet werden, wenn die Indikation stimmt und ein erfahrener Anwender sie setzt, denn so „einfach“ wie sie laut mancher Werbung zu handhaben seien, liegen die Fälle eben nicht immer.

Oberarzt Dr. Oliver Schierz, Leipzig, informierte das Auditorium über den „Dschungel aus verschiedenen Materialien“, die heutzutage für Teil- und Vollprothesen angeboten werden. „Unzerbrechlich und flexibel – Fluch oder Segen?“ war eine Zwischen-Überschrift, wenn es um die Aktivierbarkeit von Halte-Elementen und die Reparatur- und Erweiterungsfähigkeit der Prothesen ging. Schierz referierte kurzweilig und lebendig über die Materialkunde und bot mit praktischen Beispielen gute Kriterien für die Planung von modernen Zahnersatz (egal ob für junge oder alte Patienten).

Nach der ersten Pause zog die Dipl.-Pädagogin, Krankenpflegerin und Pflegeexpertin Melanie Feige, Hamburg, mit ihrem Vortrag die Zuhörer in ihren Bann. Sie gab zu, dass es ihr erster Vortrag vor Zahnmedizinern sei, was ihr aber eine ganz neue Perspektive auf ihr Thema verschafft hatte. Schnell wurde deutlich, dass die erfahrene Expertin ganz praktisch beratend tätig sein kann, wenn „Die Kommunikation des Praxisteams mit Patienten mit Demenz in unterschiedlichen Stadien“ die Herausforderung ist. Mit Humor und norddeutschem Sprachwitz gab Feige praktische Tipps, rekapitulierte die verschiedenen neurologischen Aspekte und erhielt anhaltenden Applaus für den erfrischenden Vortrag. Verschiedene DGAZ-Landesbeauftragte ließen sich nach dem Vortrag Fieges Visitenkarten geben – um sie im Bundesgebiet auf lokaler Ebene einladen zu können.

Leitender Oberarzt Prof. Dr. Peter Pospiech, Berlin, hatte die Vortrags-Aufgabe, über digitale Verarbeitungskonzepte bei der Herstellung von Totalprothesen zu informieren. „Digital“ ist ein Modestichwort der Industrie, das beim Absatz ihrer Produkte helfen soll. Bei Totalprothetik sind – egal ob analog oder digital verschiedene Arbeitsschritte mit der Anatomie, der Bisslage und den Schönheitsvorstellungen des Patienten in Einklang zu bringen. Jeder Aspekt kann für sich einen entscheidenden Einfluss auf das Endergebnis und das Aussehen des Patienten haben. Und die meisten Patienten haben sehr individuelle ästhetische Vorstellungen. Will man Einprobe-Termine einsparen, um schneller die Vollprothese einsetzen zu können, kann dies auch leider dazu führen, dass kein individuelles Aussehen möglich ist. „Wo lag der Fehler?“ – diese Frage ist dann schwerer zu beantworten. Digital gefräste Prothesenbasen können bei einem guten Scan vorteilhaft sein, da keine Polymerisationsschrumpfung auftritt. Sind alle Daten gespeichert und der Patient ist zufrieden, könnte der Datensatz für eine identische Zweitprothese genutzt werden. Fazit: Das digitale Konzept ist erfolgreich, wenn der Patient mit vorkonstruierten Zahnbögen zufrieden sein kann. Wenn das Ergebnis nicht gefällt, ist die Fehleranalyse schwierig und ein Umstellen aufwändig.
Oberarzt Dr. Felix Blankenstein, Berlin, trug sehr lebendig und interessant zum Thema „Halt von Prothesen, Gefahr des Verschluckens, Haftmittel und Prothesenreinigung“ vor. Die Klammerkonstruktion und besondere Halteelemente spielten bei diesem Vortrag nicht die Hauptrolle, sondern das Tabuthema „Haftcreme“. Prothetisch tätige Zahnärzte sind stolz darauf, Zahnersatz herzustellen, der auch ohne Haftmittel hält – aber wenn das Ergebnis mit Haftmitteln besser ist: Warum dann diese nicht nutzen! Richtig angewendete Haftmittel sind ein Segen. Blankenstein informierte zur Einordnung des Bestandteils Zink, zur Menge, zum Entfernen der Haftmittel-Reste, über Reinigungsmethoden und eine ganz wichtige Botschaft: Prothesenkunststoffe sollten röntgenopake Komponenten enthalten! Leider kommt es eben doch vor, dass Patienten zerbrochene Prothesen in Einzelteilen unrepariert weitertragen. Und wenn ein Teil oder alle verschluckt oder gar aspiriert wird/ werden – dann sind sie eben röntgenologisch schwer oder gar nicht zu finden. Wir Zahnärzte sollten, wann immer Industrievertreter in unseren Praxen ihre Produkte anpreisen, darauf drängen, dass Prothesenkunststoffe im Röntgenbild auffindbar sind!
Nach der Kaffeepause folgte ein „Diskussionsblock“ zur gesundheitspolitischen Wichtigkeit der Alterszahnmedizin und Versorgung von Pflegebedürftigen. Prof. Dr. Christoph Benz (Foto: l.), DGAZ und BZÄK, Dr./RO Eric Banthien (r.), KZV Hamburg, Dr. Thomas Einfeldt (M.), ZÄK Hamburg und Martin Sielaff, Geschäftsführer der Hamburgischen Pflegegesellschaft (HPG, Dachverband von stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen) nannten die kleinen Erfolge auf dem Weg der Verbesserung und die nötigen weiteren Schritte.
Eine gute Überleitung zum letzten Thema „Kombinierte chirurgisch-konservierende Versorgung von komplexen multimorbiden Patienten-Fällen“. Prof. Dr. Dr.  Thomas Kreusch und Zahnärztin Kerstin Houché, beide aus Hamburg, stellten gemeinsam das Versorgungskonzept der kieferchirurgisch-zahnärztlichen Abteilung der Asklepios-Klinik Nord in Hamburg vor. So scheint eine gesicherte Durchführung und Nachsorge dieser zahnmedizinischen Sorgen-Fälle möglich. Schade nur, dass in der Millionenstadt Hamburg offenbar nur eine Klinik damit werben kann. Sollte es zu Engpässen bei der Versorgung dieser Patientengruppe kommen und Kollegen bei der Überweisung Probleme sehen, so mögen sie diese bitte den Geschäftsstellen von KZV und Kammer mitteilen.
Fazit: Die Koordinierungskonferenz und der gemeinsame Kongress boten interessante neue Ansätze und Aspekte bei der großen gesundheitspolitischen Aufgabe, die Pflegebedürftigen unserer Gesellschaft auch zahnmedizinisch gut zu versorgen. Die 180 Teilnehmer der Fortbildung spendeten bei der Verabschiedung minutenlangen Applaus für die Organisatoren. Die Veranstaltungen haben sich gelohnt!

Dr. Thomas Einfeldt
Vize-Präsident Zahnärztekammer Hamburg